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Es ist ein schöner Tag!
Ja wirklich. Sonne, viel Sonne und Temperaturen in meinem Dachgeschoss, dass man sich wie im Süden fühlt. Ein leichter, erfrischender Wind durchweht die Wohnung und pustet Bohrstaub und Klebebandreste durcheinander.
„Hallo, möchten Sie die Karte?“ „Ja und ein großes Bier schon mal vorweg“.
So lob ich es mir. Wenn der Hunger quält, aber noch keine Küche am Start ist, in der man sich etwas Bekömmliches zubereiten kann, dann gibt es doch nichts Erhabeneres, als ein kleines Restaurant direkt in der Nähe. „Ma Latina, Brasilianische Küche“. Warum nicht? In Neukölln gab’s nur Schawarma und Döner, hier dagegen reicht die Cuisine sogar bis Südamerika. Ich entscheide mich für Rindfleisch mit verschiedenen Gemüsesorten, aber statt Kartoffeln, Pommes-Frites. „Unsere Köchin ist heute leider krank und der Koch ist eine Vertretung. Aber echter Brasilianer!“. Na dann. Auch wenn es verdächtig ist, wenn sich die Bedienung schon im Vorfeld für den Koch entschuldigt, fege ich jegliche negative Gedanken beiseite und lächle der netten jungen Dame zu. „Kein Problem“, sage ich, „Rindfleisch mit Gemüse und Pommes, dafür muss man noch nicht einmal Brasilianer sein“.
Es vergeht die erste halbe Stunde, in welcher ich mich mit der Bedienung über den Wedding unterhalte. Ich bin der einzige Gast in dem Laden (sollte einem das auch verdächtig vorkommen?) und sie ist zwar nicht hübsch, aber nett und da es keine Zeitungen zum Lesen gibt, frage ich sie ein wenig über meinen neuen Kiez aus. „Hier ist nix los. Bis vor kurzem wohnte ich in Charlottenburg, aber jetzt bin ich hierher zu meinem Freund gezogen. Seinen Eltern gehört dieses Restaurant.“ Charlottenburg, da ist noch weniger los als hier, nur auf gehobenerem Niveau. Scheckbuchgepflegte Langeweile. Privatversichert den ereignislosen Lebensabend schönreden, bei Preisen, die jedem mit Skrupel behafteten Menschen die Scharmröte ins Gesicht steigen lassen würde. Aber in Charlottenburg hat man nur einen Skrupel: Zuzugeben, dass man im zweitlangweiligsten Stadtteil Berlins wohnt (nach Spandau).
„Na, irgendwas wird’s hier schon geben, wo man mal abends hingehen kann?“. „Ne, nichts“. Aber ich kenn auch nur die brasilianischen Läden, woanders geht mein Freund nicht hin. Die Brasilianer bleiben am liebsten unter sich.“ „Außer zum Karneval der Kulturen“, beginne ich zu scherzen, „da lässt man sie dann raus aus dem Wedding?“ Der Spaß kommt nicht an. „Karneval der Kulturen? Kenn ich nicht!“. Die Glückliche. Sie hat nie das traumatische Erlebnis unzähliger Sambagruppen erlebt, wo sich Mittvierziger bis Mittsiebziger zum gemeinsamen, völkerverständigenden Musizieren treffen. Imma ruff uff die Trommeln und mit verkniffenem Lächeln den Rhythmus halten. Alles natürlich unter der pädagogischen Anleitung eines „native speeking, natural-born Latinos, der, wenn ich Gerüchten glauben darf, seinen Trommlerinnen auch gerne das Sambatanzen beibringt und ihnen dabei schon mal (versehendlich) an die Dutteln geht. Aber wie gesagt, bestimmt alles nur üble Nachrede von eifersüchtigen Ehemännern, oder neidischen Trockenpflaumen, die beim Paartanz mit dem Zeremonienmeister zu kurz gekommen sind.
Jetzt höre ich eine Klingel. Ein Geräusch welches mir signalisiert, dass es gleich etwas Schönes, Warmes und bestimmt Wohlschmeckendes zu Essen gibt. Und da kommt es auch schon. „Guten Appetit!“. „Danke, und noch ein Bier bitte“.
Der Blick auf meinen Teller lässt Fragezeichen über meinem Kopf aufblitzen. Wie Seifenblasen formieren sie sich zunächst hoffnungsvoll, um dann, wahrscheinlich aus Verzweiflung, wieder zu zerplatzen. Wenn ich nicht der einzige Gast wäre, könnte ich der Bedienung versuchen klarzumachen, dass hier eine Verwechselung vorliegen muss und der Teller bestimmt für einen anderen Tisch gedacht ist. Doch ich bin der einzige Gast und dieser Teller, mit dem was da drauf ist - was immer es ist – ist ganz allein für mich bestimmt. Erstmal einen großen Schluck Bier und dann das Messer zum Sezieren angesetzt. Aha, jetzt verstehe ich. Alles, aber auch wirklich Alles(!!) ist in einzelne, frittierte Semmelmehlhüllen verschweißt. Die Fleischstückchen, das Gemüse, die Pommes. Ha!! Ich Scherzkeks. Die Pommes natürlich nicht, die sind ja schon frittiert. Schön, wenn man im Anblick des Elends noch seinen Humor behält.
Ich öffne also vorsichtig das erste Unikat in einer Langsamkeit, als würde ich befürchten, dass jederzeit etwas Lebendigs herausspringen könnte und entdecke ein Stückchen Rindfleisch. Ich hoffe jedenfalls, dass es welches ist und nicht der Hund von meinem Nachbarn. Ich bemerke im Augenwinkel, dass die Freundin des Sohnes des Besitzers des Restaurants mich bei meiner meditativen Tätigkeit beobachtet und werfe ihr ein Lächeln zu, um dann, nur nichts anmerken lassen, das Fleischderivat in meinem Munde verschwinden zu lassen. Hm, gar nicht so übel. Kein Fett, nicht zerkocht, das lässt hoffen. Sollte es dennoch Pudels Hund sein, verstehe ich nicht, warum er ihn nicht schon viel früher gegessen hat? Es folgen weitere Notöffnungen braungelber Fritierklumpen, denn zwischenzeitlich habe ich mich über die, allerdings exzellenten, Pommes-Frites hergemacht, was dazu führt, dass die Überraschungseier auf meinem Teller drohen, den Kältetod zu sterben.
Es ist aber auch nicht einfach und ich frage mich, was der Koch sich dabei gedacht hat, jedes essbare Teil einzeln zu verpacken? Nur, damit ich es dann wieder auspacke und den Inhalt in meinen Magen plumpsen lasse?
Als mein zweites Bier gebracht wird, ungefähr sieben Minuten pro Zentiliter, frage ich das unschuldige Opfer brasilianischer Erlebnisgastronomie, warum alles in diese doch sehr fettige Fritierhülle verschweißt ist? Sie ist wirklich freundlich, lächelt und erklärt, dass sie das auch nicht abkann. Aber in Brasilien wird alles frittiert, sogar die Nachspeise. „Na, dann will ich mal besser kein Eis bestellen“, witzle ich und wir schauen beide belustigt auf meinen Teller, der noch genauso voll ist wie zu Beginn der Mahlzeit. Nur dass jetzt herrenlose, fetttriefende Mehlhüllen, den Häutungen unzähliger Klapperschlangen gleich, darauf aufgeschichtet sind. „Bis auf zwei Knorpelstücke, war das Fleisch sehr gut“. Was weder geschleimt, noch gelogen ist. „Aber wenn ich die Fritierreste abziehe, hätte die Mahlzeit auch auf dem Beilagenteller Platz gefunden. Die Fritten haben mich aber gerettet. Sonst wäre ich wohl nicht satt geworden.“ Ja, meine Ehrlichkeit schätzten die Wirte dieser Welt schon immer. Als mich in Hamburg der arrabische Inhaber eines italienischen Restaurants fragte, ob es denn schmecke, musste ich ihm leider sagen, dass mich der Teig an Fertigpizza erinnere. Sein afro-kubanischer Koch verließ bald darauf den Laden und einen Tag später starb Dr. Oetker.
Wenn jedenfalls die Brasilianer wirklich so ungesund essen, wie eben demonstriert, dann werden sie wohl früher oder später aussterben. Während ich das denke, schaue ich der in eine Zeitschrift versunkenen jungen Frau zu, die hoffentlich nicht irgendwann nur deshalb zur allein erziehenden Mutter wird, weil ihr südamerikanischer Freund an einer Überdosis Fritierfett gestorben ist.