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Blogbucheintrag 9, Tag 25 im Wedding
Es ist ein schöner Tag!
Warum denn das schon wieder? Ich sags euch. Weil Sonntag ist, nach Tagen der wolkenverhangenen Dunkelhaft endlich mal wieder die Sonne scheint und ich heute in den Urlaub fahre.
Wroom!!! Aha, der Wind hat über Nacht gedreht, heute starten die Flieger mal wieder an meinem Haus vorbei. „Hey Sie da unten! Ja, Sie! Ikk bin neu hia, wo jehts denn nach Mallorca?“ “Also, erstmal ne ganze Weile nach Südwesten. Und wenn Sie dann volltrunkene Engländer sehen, die aus Eimern ihr Erbrochenes trinken, dann sind Sie da!“. “Danke och, und schön’n Tach noch!“. Man hilft ja gerne. Ich will ihn noch fragen, warum sie ausgerechnet immer bei schönem Wetter über meine Wohnung starten, aber da ist er schon weitergeflogen.
Ich richte es mir auf meiner Terrasse frühstücklich ein und schaue in der Gegend rum. Auf dem Dach gegenüber spazieren zwei sichtlich betrunkene Punker umher. Bierflasche in der Hand und auf den nächsten Sims geklettert, der an einer Dachterrasse vorbei zum benachbarten Gebäude führt. Dann von dort weiter auf ein anderes Dach und so fort. So wie die gewankt sind, hoffe ich, dass der Schicksalsgott denkt, ne, Sonntags, da schmeiße ich keine Punks vom Dach.
Schade, dass Pudel keine Dachwohnung hat, er würde sie anraunzen:“Eye hallo, ihr da auf mein Dach! Lauft leisa!! Die höan nich, sind wohl taub uffe Oan. Ihr sollt leisa loofen!!“.
Pudel schwebte heute wieder an meinem Küchenfenster vorbei. Ich glaube er ist ein Cyborg oder sowas, denn er macht absolut kein Geräusch beim Laufen. Selbst, wenn er seine obligatorische Lidl- oder Alditüte dabei hat, hört man kein Rascheln des Plastiks, kein Klacken der Schuhsohlen, nichts. Nur sein Hund hechelt immer deutlich wahrnehmbar der gemeinsamen Wohnung entgegen.
Wenn man mich fragen sollte, warum ich ständig Tage auslasse, das sei doch so gar kein richtiges Tagebuch, dann würde ich entgegnen, dass ich mich nur an die erwähnenswerten Vorkommnisse erinnern will. Wie zum Beispiel dem Nachmittag im „Clou“, einem Einkaufzentrum im nahen Reinickendorf.
Ich brauchte noch warme Kleidung für die See und bin da spontan hin.
Im Clou gibt es sie alle: Kaisers, Schlecker, Saturn, H&M und ein Waffengeschäft. Na endlich liebe Weddinger, ich dachte schon, ihr enttäuscht mich. Bin ich es doch von Neukölln gewohnt, dass man in ungefähr jeder zweiten Strasse Waffen kaufen kann, hatte ich bis zum Besuch im Clou, hier in Bushidos Heimat, noch keinen Waffenladen entdecken können. Ich hatte mir daher so meine Gedanken gemacht. Zum Beispiel, ob Bushido lügt und es hier doch ganz friedlich zugeht, oder, dass die Weddinger eben nicht so oft jemanden erschießen müssen!? In Neukölln, Sidos Heimat, wird öfter mal jemand erschossen. Besonders gefährdet scheinen, so die Erfahrung der letzten Jahre, westlich orientierte, türkische Ehefrauen zu sein. Natürlich erledigt den Mord nicht das in seiner Ehre gekränkte Familienoberhaupt. Nein, das überläßt man dem minderjährigen, noch nicht strafmündigen, männlichen Nachwuchs. Der lernt so auch gleich was fürs Leben und kann diese Erfahrungen später an seine Kinder weitergeben.
Der Weddinger mit Migrationshintergrund, so folgere ich daraus, hat entweder gehorsamere Ehefrauen, oder keine minderjährigen Söhne.
Im Clou gelingt es mir dann tatsächlich zwischen all den spuckhässlichen Klamotten etwas Geschmackvolles und noch dazu Wärmendes zu finden. An der Kasse angekommen, drängt eine ca. 40 Jährige die mindestens 20 Jahre jüngere Azubiene beiseite und fertigt mich ab. Also, ganz unter uns Männern: Die Dame mittleren Alters hatte eindeutig die bessere Figur. Mag sein, dass die Jüngere die bessere Haut hatte. Aber was nützt eine faltenfreie Epidermis, wenn die Gewebemasse da drunter nicht weiß wo sie hin soll? In den Beinen ist kein Platz mehr und der Po hat ebenfalls seine volle Kapazität erreicht. Bleibt als einzig noch verfügbare Ausweichregion der Bauch. Und da gings dann wohl auch hin. Mit 18 ist man eben manchmal nicht mehr die Jüngste.
Wie jene Dame, welche mir an einem anderen, undokumentierten, langweiligen Tag begegnet ist. Mitte, Berliner Mauerweg, Tiefschneider auf Fahrrad, vor ihm ein riesiges, weibliches Hinterteil. Gut, oberhalb des majestätisch großen Sitzorgans gab es noch Rumpf, Arme und einen Kopf, aber da ich bei Frauen auf sekundäre Geschlechtsmerkmale konditioniert bin, sah ich nur das opulente Gesäß. Spontan wollte ich helfen und der schwer an der Last tragenden jungen Frau etwas Nettes sagen, wie z.B. „Schöner Arsch, gibt’s den auch in ihrer Größe?“, oder „Seien Sie vorsichtig an Grünflächen mit weidenden Hengsten!“ Doch warum immer nett sein, oder unaufgefordert Ratschläge geben? Das wäre doch nur wieder typisch deutsch.
So verschwand der Po-Mensch-Zwitter dann in einer der Seitenstraßen und wie ich ihm so nachschaue, sehe ich etwas zauberhaft Rührendes: Eine Heerschar von Marienkäfern folgte ihm. Dazu noch diverse Kleintiere wie Kaninchen, Maulwürfe oder Hamster (und ein Rotkehlchen), um sich im Schatten des Riesenpopos vor der gleißenden Sonne zu schützen.