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Blogbucheintrag 17, Tag 53
Heute wohl nix schöner Tag!? Schreibe aber trotzdem, weil er noch schön wird, ich glaube daran! Es soll der Versuch gestartet werden, im Wedding einen Kaffee trinken zu gehen. Schauen wir mal, ob das klappt.
Das Wetter schlägt Purzelbäume, vor Freunde versteht sich, und meine Kaffeekennernase führt mich weg vom Afrikanischen Viertel, wo es definitiv nichts gibt, was man gastronomisch empfehlen kann, hin ins Viertel rund ums Virchow Klinikum. Irgendwo müssen die Medizinstudenten, oder die Studies der nahen Fachhochschule ja mal ihre Päuschen machen!? Da die Sonne so richtig fett vom Himmel scheint, stelle ich mir, wie aus Kreuzberg gewohnt, ein nettes, sonniges Cafe vor, in dem sich Samstag Mittags lauter nette Leute tummeln, um dem Zerplatzen der Bläschen auf ihrem Cappuccino oder Milchkaffee zuzusehen.
Mein erster Halt ist das Schupke in der Tegeler Strasse. Eigentlich könnte ich jetzt da rein, oder besser, mich nach draußen setzen, was da ohne Zweifel geht, aber leider liegt es um diese Urzeit im Schatten. Also weiter in die Torfstraße / Ecke Nordufer zum Cafe Auszeit. Das Auszeit liegt tatsächlich sehr sonnig und es ist so voll mit Leuten, wie ich es dort nur selten gesehen hab. Dabei ist es ein gut gemachtes, großes Cafe, auch wenn mir persönlich seine Pseudo-Bauhaus-Einrichtung, nicht sehr zusagt. Die Mitte-Cafes sehen alle so aus wie das Auszeit, oder besser gesagt, das Auszeit hat sich optisch an den Mitte-Cafes orientiert. Drinnen ist kein Platz frei und draußen nur auf der anderen Straßenseite und da weht, wegen des greifbar nahen Westafens, ein frischer Wind. Leider ist es das somit auch nicht und jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als in den Nachbarstadtteil Berlin Mitte zu fahren, denn der dritte, mir bekannte Kandidat in Wedding, wäre das Cafe am Ufer in der Uferstrasse gewesen. Die haben aber unregelmäßige Öffnungszeiten und ich habe keine Lust wieder vor verschlossener Tür zu stehen.
Der Weg nach Mitte, genauer gesagt zur Kastanienallee ist in 20 Minuten zurückgelegt. Hier ist es so, wie ich es wollte. Sonne, viele kleine Cafes und ein Termitenhaufen von Menschen, die einen Optimismus ausstrahlen, wie man ihn im Wedding eher seltener antrifft. Nun hat der typische Weddinger aber auch keine wohlhabenden Eltern, die ihren studierenden Sprösslingen die völlig überteuerten Mieten in Mitte, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg ermöglichen.
In Mitte entscheide ich mich fürs „Makom“ am Zionskirchplatz. Ein kleiner Tisch, schön in der Sonne gelegen, ist gerade noch frei und das zurückgelassene Geschirr verrät, dass da bis vor Kurzem noch jemand einen Pfefferminztee getrunken hat. Kaum sitze ich, da kommt auch schon der Kellner. Ein spanisch aussehender, junger Mann, welcher in meine Richtung schaut, am Nachbartisch eine Bestellung aufnimmt und dann wieder im Cafe verschwindet. Aha, denke ich, das „Mitte-Syndrom“. Völlige Überforderung der studentischen Servicekräfte, wenn von ihnen erwartet wird, mehr als nur eine Bestellung aufzunehmen. Ich rege mich aber nicht auf. Dafür ist es ein viel zu netter Tag (geworden, sag ich doch!). Etwa zehen Minuten später lässt sich der Kellner wieder draußen blicken, denn inzwischen wollen einige Gäste zahlen, wieder andere wünschen zu bestellen. Jetzt, denke ich, wird er bestimmt Zeit für mich haben. Mein Tisch liegt vis a vis vom Eingang, wer den übersieht, der sollte lieber nicht Kellnern und auch besser nicht am Straßenverkehr teilnehmen.
Er übersieht ihn. Er kassiert zwei Tische weiter ab, nimmt eine Bestellung von Gästen auf, die schon da waren, als ich gekommen bin und will gerade völlig überfordert in sein schützendes Cafe flüchten, als ich ihm freundlich zurufe. Sein Blick drückt Panik aus. „Ein Milchkaffee bitte“, ist mein bescheidener und freundlich vorgetragener Wunsch. Seine Gesichtsmuskeln fangen an, sich wieder zu entspannen.
Derweil hat sich vor dem „Makom“ ein Musiker mit Gitarre positioniert. Nur wenige nervöse Augenzuckungen später bestätigt sich meine Befürchtung, dass dieser Lautenspieler jetzt für die anwesenden und zwangsläufig am Flüchten gehinderten Gäste aufspielen will. Natürlich direkt neben meinem kleinen, bescheidenen Tisch(chen)! Wo sonst strahlt ein Gast soviel musikalisches Verständnis und noch dazu soviel soziale Kompetenz aus, wie an meinem bescheidenen, immer noch mit dem Müll vom Vorgast zugeparkten Tisch?
Er beginnt mit einem spanischen Lied. Leiser, fast unhörbarer Gesang und eine total verstimmt Gitarre nötigen sich in mein Ohr. Im Laufe des Liedes wächst sein Stimmenvolumen an, eindeutig ein Zeichen von ebenfalls wachsendem Mut und Selbstbewusstsein. Es folgt ein Französisches- und dann noch ein Deutsches Lied und Jedes ist schlimmer, als das Nachfolgende. Sein „Gesang“ ist mittlerweile schief UND laut. Inzwischen schauen die Gäste des Cafes immer wieder mit sorgevollem Blick zum Barden und jeder fragt sich wahrscheinlich, wo der nächste Baum ist, an dem man ihn aufknüpfen könnte?
Pünktlich zum Erscheinen meines Milchkaffees (weitere fünfzehn Minuten nach der Bestellung) hört Troubadix endlich auf uns zu quälen und beginnt, den obligatorischen Becher rumzureichen. Ich stehe vor der Entscheidung, ihm etwas zu geben und damit eine Zugabe zu riskieren, oder ihm einen frustrierten Tag zu bescheren. Ich fasse mir ein Herz und werfe 50 Cent rein. Das ist OK denke ich. Angebrachter wären 50 € gewesen, die hätte er dann in Gesangsunterricht investieren können.
Der Milchkaffee wird, anders als sonst in Mitte üblich, nicht im Glas, sondern in einer Porzellanschale serviert. Das gibt einen Pluspunkt. Diesen Punkt musste ich im Sommer dem Barkomis in der Bergmannstraße in Kreuzberg abziehen. Die hatten mir den Milchkaffee zwar auch in einer Tasse serviert - aber mit Würfelzucker. Wie man sich den über den Schaum streuen soll, hätte ich von denen gerne erklärt bekommen! Am Ende gab es jedenfalls eine leer getrunkene Kaffeetasse und einen Berg von Würfelzuckerresten, der dadurch zustande gekommen ist, dass ich immer zwei Zuckerstückchen aneinander reiben musste, um mit dem herab fallenden Brösel meinen Kaffee zu bestreuen. Eine Haidenarbeit, aber am Ende hat es sich gelohnt.
Eine Untertasse gibt es im Makom auch, aber separat, mit einem Löffel drauf. Das macht Sinn, denn die Untertasse ist zu klein für die Schale mit dem Kaffee.
Der erste Schluck ist leider eine Enttäuschung. Der Milchkaffee wurde eindeutig nicht auf Espressobasis zubereitet und schmeckt deshalb zu lasch, wobei das Aroma des verwendeten Kaffees durchaus gut ist. Aber immerhin ist er heiß. Nicht so wie im XY (Name fällt mir nicht ein) am Ankonaplatz, wo mir die junge und sehr hübsche Kellnerin versucht hat zu erklären, warum heiße Schokolade nicht heiß, sondern nur lauwarm sein dürfe. Das hätte etwas mit der Qualität des Schaumes zu tun. (… und die Erde ist eine Scheibe…) Nach der Logik der Ankonaplatz-Lady, hätte der Milchkaffee im Makom demnach auch lauwarm sein müssen, denn sein Schaum ist dich und feinporig, also genau so, wie er zu sein hat. Ich lasse es mir gut gehen. Der Saiten zupfende Quälgeist ist verschwunden, um sich andere Folteropfer zu suchen, die Sonne scheint mir wohlig in den Nacken und ich kann bei aromatischem Kaffeegeruch die Leute beobachten. Das Plätzchen ist wirklich ein netter Ort, so etwas hat der Wedding definitiv nicht zu bieten. Dabei könnte er, wenn er wollte. Auch der Wedding hat schöne Altbauten und von Bäumen umsäumte, ruhige Plätze. Allein um die Panke herrum könnte man einmalig schön gelegene Gastronomie etablieren. Aber soweit ist der Wedding noch nicht. Bin ich zu früh da hin gezogen !?
Mir fällt auf, dass die Leute, die Mitte bevölkern, so um die 20 Jahre jünger sind als ich und von extrem schlechtem Klamottengeschmack dominiert werden. Dabei kauf ich oft in Mitte was zum Anziehen, es ist also nicht so, dass es da nur Häkelumhängetaschen und Jensröcke aus Polen zu kaufen gibt. Ich hatte mal auf einer Party in Rummelsburg mit einer 22 Jährigen rumgealbert, die mich beim Gehen ziemlich angeschickert fragte: „wissu schon gen?“ Ja, wollte ich. Erstens war sie betrunken und zweitens war sie so schlecht gekleidet, dass es regelrecht wehtat. Dabei hatte sie einen geilen Body. Aber was nützt es, wenn man den in so enge Klamotten zwängt, dass man anschließend aussieht, wie ein Rollmops?
Mein Kaffee neigt sich dem Ende und ich signalisiere dem gerade vorbeihuschenden Kellner, dass ich bezahlen will. Er bleibt tatsächlich stehen, kassiert ab und nimmt meine noch zu einem Drittel gefüllte Tasse mit. Dem nicht genug, fängt er auch noch an, das benutzte Besteck des Vorgastes in meiner Tasse zu versenken. Der Gast hat bezahlt, also kann ich abräumen, denkt sich offensichtlich dieser Einfallspinsel. Ich fasse es nicht und sage ihm, dass ich den Kaffee gerne noch ausgetrunken hätte!? „Oh Entschuldigung, ich bringe Ihnen einen Neuen!“ „Nein, brauchen Sie nicht, ist schon OK.“
Ich nehme meine Tasche und begebe mich ins Cafe zur Toilette. Jetzt wird mir alles klar. Der Laden ist VOLL. Die Leute Frühstücken und der Kellner muss nicht nur Bedienen und Abkassieren, nein, er bereitet auch alle Getränke zu und füllt regelmäßig das Buffet auf. Sorry, Mr. Trottel! Unter menschlichen Arbeitsbedingungen wärest du sicherlich DER Turbokellner. Aber auch im In-Bezirk Mitte muss gespart werden. Ich verlasse diesen erlebnisreichen Ort, allerdings nicht, ohne beim Gehen die sehr schön gestalteten Innenräume des Makoms zu bestaunen.
Dann schwinge ich mich auf meinen 136 € Drahtesel und verlasse Mitte in Richtung Wedding. Der Weg dorthin ist friedlich und relativ ruhig, bis zu dem Moment, als in der Pankstrasse ein tiefer gelegter Migrationshintergrund mit vier untergeschnallten Auspuffrohren an mir vorbeischmettert. Ein Höllenlärm und ein ohrenbetäubendes Quietschen pfeift durch meine Ohren, als dieser Wahnsinnige hinter einem Stau an einer weit einsehbaren Ampel Notbremsen muss. Ich passiere ihn ruhigen Trittes und rolle auf seiner Höhe durch weißen, nach verbranntem Gummi riechenden Rauch. Am liebsten hätte ich angehalten und ihn gefragt: „Entschuldigung. Ich habe zufällig meinen mobilen Röntgenapparat dabei und würde gerne mal nachschauen, was bei Ihnen an der Stelle zu sehen ist, wo anderen Menschen ein Gehirn wächst?“. Wahrscheinlich hätte ein leichtes Klopfen an seinen Hohlschädel gereicht, um festzustellen, dass diese Position unbesetzt ist.
Noch nie wurde mir in den letzten 12 Wochen so deutlich, wo ich hingezogen bin. Wedding! Bitte anschnallen, oder rechts ran fahren. Und immer lächeln dabei.