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Blogbucheintrag 12, Tag 31 (wieder auf dem Weg nach Neukölln)
Es ist ein schöner Tag! Als ich heute morgen in den Spiegel schaue, erblicke ich das eine oder andere graue Haar auf meinem Kopf. Wenig später verlässt eines der blassen kleinen Kameraden seinen angestammten Platz und lässt sich auf meinem Pullover nieder. Glück gehabt, denke ich. Es hätte auch schlimmer kommen und eines der blonden Haare ausfallen können.
Heute geht’s wieder nach Neukölln. Der Rest der Wohnung muss für den Tag X, den Tag der finalen Übergabe fitt gemacht werden. Jetzt ahne ich, wie es früher gewesen sein muss, als halbjährlich auf der Glienicker Brücke Spione ausgetauscht wurden. Alles musste stimmen, nicht der kleinste Fehler durfte passieren, es gab nur diese, eine Chance. Wurde sie vertan, zog es unendliches Leid nach sich. Mein Leid hat schon begonnen. Heute muss die Wohnzimmerdecke und die Kammer gestrichen werden.
Kaum in der Wohnung angekommen, meldet sich meine biologische Uhr
und die auffällig aktive Darmperistaltik lässt vermuten, dass es eine größere Angelegenheit wird. Zum Glück habe ich Unmengen an Küchenpapier dabei, denn wie man weiß, kann man mit Glasreiniger und Küchenpapier so ziemlich alles optisch in den Neuzustand versetzen.
Ohne ins Detail gehen zu wollen, stelle ich nach getaner Anstrengung fest, dass ich die Tage vorher irgendetwas gegessen haben muss, das sich jetzt hartnäckig weigert, über das nahe Fallrohr meine Kloschüssel zu verlassen. Ich tue mein Bestes, aber da der Wasserzulauf der Toilettenspülung verkalkt ist, muss ich vor jeder Spülung etwa zehn Minuten warten. Nach der dritten Wasserladung stelle ich fest, dass sich eigentlich nichts geändert hat. Im Gegenteil. Die Hinterlassenschaft aus drei Metern Dünn- und ca. zwei Metern Dickdarm, beginnt fest zu werden. Eine Klobürste würde helfen, die habe ich aber nicht und da Sonntag ist, kann ich auch keine kaufen. Vielleicht bei den ehemaligen Nachbarn klingeln? „Hallo kann ich mir mal eure Klobürste ausleihen, bringe ich auch sofort wieder zurück“.
Ich habe nichts, was einer Klobürste auch nur ähnlich sieht, außer – mein Malerpinsel. Reflexartig weise ich jeden Gedanken an den funkelnagelneuen, echt Schweineborstenpinsel zurück. Jedoch verlangt die immer fester werdende braune Masse im kosmischen Mittelpunkt meines Toilettenuniversums einen schnellen Entschluss und so nehme ich ein großes Stück Küchenpapier und wickele es blutenden Herzens um den einzigen, professionellen Malerpinsel, den ich je besessen habe. Es gelingt mir tatsächlich auf diese Art und Weise, das Problem immerhin um die Hälfte zu reduzieren. Da mir aber immer noch gut 50 Prozent des Problems freundlich aus der Abortkeramik entgegenlächeln, opfere ich weiteres Küchenpapier und befördere, natürlich nach zehn Minuten Warten, den Rest des einstigen Darminhaltes in Richtung Fallrohr. In RICHTUNG Fallrohr wohlgemerkt, nicht INS Fallrohr!
Denn mittlerweile hat die Mischung aus hartnäckig klebender …masse und Küchenpapier eine Art Pappmache gebildet und das Klo verstopft. Ich beginne zu verzweifeln. Ich sehe mich schon am nächsten Morgen mit Ekelherpes an der Lippe aufwachen und suche nervös nach einer Lösung. Es hilft nichts. Ich muss es ohne Küchenpapier versuchen. Also den Echtschweineborstenpinsel, mit dem ich heute noch die Ränder der Wohnzimmerdecke und der Kammer streichen muss, ungeschützt im Klo versenken, um Selbiges von dem was sich in seinem Inneren gerade zu einer Art Schnellbeton auf Biobasis entwickelt, zu befreien. Ich tue es. Und mit Erfolg! Es ist superekelig und ich könnte Kotzen, aber es hilft nichts. Ich kann die Wohnung morgen ja nicht mit kotverschmierter Toilette übergeben, vom Geruch ganz zu schweigen!?
Die arme Sau von Schweineborstenpinsel wird nach seinem heldenhaften Unterwassereinsatz erstmal ordentlich abgeduscht. Sehr ordentlich! Seife hab ich keine, aber Fußbodenreiniger tuts in diesem Falle auch. Mein borstiger Freund sieht danach tatsächlich wieder wie ein Pinsel aus und erste Streichproben ergeben, dass er keine(!) braunen Streifen auf der Wand hinterlässt.
Tatsächlich schaffe ich es an diesem Tag, Wohnzimmerdecke und Kammer zu streichen. Die Heizkörper streiche ich nicht neu, nur die Zuleitungsrohre. Da ich als Geigenrestaurator weiß wie man retuschiert, tunke ich mit dem Finger in den Heizkörperlack und verteile die Farbe hauchdünn auf den auszubessernden Stellen, sodass die Heizkörper am Ende aussehen, wie neu gestrichen. Ich finde, das sollten alle so machen. Es sieht gut aus und hat den Vorteil, dass nicht jedes Mal eine millimeterdicke Lackschicht hinterlassen wird. Denn wenn jeder Mieter alle sieben Jahre die Heizkörper neu streicht, kann man nach drei Mietern die Heizungen komplett auswechseln, weil sich die Farbschichten zwischen den Metallrrippen bereits die Hände reichen.
Ich bin fix und alle und fahre nach Hause. Hause ist Wedding. Neukölln gefällt mir auch immer weniger. Zu laut, zu dreckig und vor Allem zu zugekackt. Und wie ich das so denke, kann ich auf dem Weg zum Fahrrad gerade noch einem Hundehaufen ausweichen. Das hätte mir an diesem Tag noch gefehlt! Am Abend lege ich mir eine Tube Zovirax gegen Herpes nebens Bett. Man weiß ja nie.